Türkei Teil 2/2

Da wir in Pamukkale für zwei Nächte ein Hotelzimmer hatten, wollen wir am nächsten Tag in Bozkurt campen. Wir dürfen auf der Wiese hinter dem Restaurant einer Tankstelle übernachten, etwas laut , aber ok. Am nächsten Morgen regnet es und wir warten ab, bis es aufhört. Wir sind gerade beim Zeltabbauen, als ein Mann mit einer Art Aktenkoffer erscheint, er holt zwei scharfe Messer heraus. Ein Kastenwagen hält am Rand, zwei Männer steigen aus und holen ein an den Hufen gefesseltes Schaf aus dem Kofferraum und legen es auf die Wiese. Der Mann mit dem Messer kommt, drückt den Kopf des Schafes nach hinten und schneidet ihm die Kehle durch, um ihm kurz später den Kopf abzutrennen, nachdem die Beine aufgehört haben zu zittern, alles nur wenige Meter von uns entfernt. Es wird gehäutet, die Beine abgeschnitten und unprofessionell am Baum aufgehängt, denn es fällt wieder herunter. Zwei Männer kommen mit einer Schubkarre, um die Innereien, die sie wohl jetzt aus dem Schaf holen (ich sehe nur Teile des Geschehens, drehe mich um), damit wegzubringen. Es wird zerteilt und die Teile in die eilig herbeigebrachte Ofenform gelegt und in den riesigen Holzofen des Restaurants geschoben, wo es am Abend zur feierlichen Eröffnung verspeist wird. Die Wiese wird mit Wasser abgespritzt und eine Stunde später würde niemand mehr glauben, was hier gerade geschehen ist. Ich habe Brechreiz und bin wie immer froh kein Fleischesser zu sein. Andere Länder, andere Sitten… Wir fahren im Regen weiter und kommen am Abend in Dinar an, wo wir wieder ein günstiges und warmes Hotelzimmer mit gutem Frühstück finden. Die von uns ausgesuchten Hotelzimmer kosten in der Türkei übrigens (für ein Doppelzimmer mit Frühstück) zwischen 8€ und 28€. Mittlerweile sind wir ein gutes Team geworden, die Ereignisse schweißen uns eher zusammen, als dass sie uns trennen und wir sind froh uns gegenseitig zu haben. Während Alex meist entspannt, ruhig, vorausschauend, nachdenklich (manchmal aber auch wütend) und vorsichtig ist, bin ich eher nervös, ängstlich, unvorsichtig, aber auch kommunikativ, offen und emotional, das ergänzt sich ganz gut. So passt Alex auf, dass ich nicht von den LKW überfahren werde, kümmert sich um die Technik und kocht am Abend meistens das Essen, während ich leichter Menschen kennenlerne, die Unterkünfte im Internet oder auch beim Wildcampen aussuche und den Preis verhandle. Deshalb werde ich in den Hotels jetzt immer vorgeschickt. Und ich bin (zum Glück) eher für das Frühstück zuständig. Endlich verlassen wir die vierspurige Bundesstraße, die wie eine Autobahn ausgebaut ist, und fahren 800 Höhenmeter hoch in die Berge, mit Gegenwind und schlechtem Asphalt, aber traumhaft schönen Aussichten. Das Wetter wird wieder wärmer, aber die Nächte sind jetzt kalt. Von nun an sind wir meistens 1000 bis 1300m über dem Meeresspiegel. In Karaadilli auf 1200m übernachten wir im Garten einer Moschee, ein guter Platz, aber am nächsten Morgen ist das Außenzelt gefroren. Aber als die Sonne kommt, trocknet es zügig und wir können es einpacken. Um bis zur nächsten Stadt zu kommen, geht es dann 100 km weiter bis Ilgin, wo wir ein günstiges Hotel finden. Leider ist dort die ganze Nacht Party angesagt, bis in die Morgenstunden ist an Schlaf nicht zu denken, dafür brauchen wir am Morgen nur sehr wenig zu bezahlen und der Besitzer entschuldigt sich. Wir fahren weiter bis Sarayönü, eine seltsame Kleinstadt, in der wir nur mithilfe einer netten Türkin eine Unterkunft finden, sie läuft mit uns durch die ganze Stadt und wir landen in einer schmuddeligen Jugendherberge. Aber da wir am nächsten Tag einen Busausflug nach Konya machen müssen, bleibt uns nichts anderes übrig, als dort zu übernachten. In Konya am Bahnhof wollen wir die Zugtickets in den Iran besorgen. Der freundliche Schalterbeamte sagt uns, das sei überhaupt kein Problem, auch nicht mit den Fahrrädern. Als der andere Beamte Zweifel äußert, rufen sie zur Sicherheit beim Chef der Türkischen Bahn in Ankara an, der die Fahrräder als verboten deklariert. Also bekommen wir keine Tickets! Frustriert und nachdenklich wie wir mit den Rädern weiterkommen sollen, fahren wir mit dem Bus wieder zurück, erwischen einen durchgeknallten Busfahrer, der während der Fahrt mit zwei Handys abwechselnd telefoniert und wenig auf die Straße achtet. Vielleicht sollte ich auch mal zu Allah beten, wozu man hier fünfmal am Tag lautstark durch den Muezzin, der aus allen Lautsprechern der Moscheen schreit, aufgefordert wird. Wir kommen weiter bis nach Cihanbeyli, wo wir auf einem Acker übernachten, nicht weit von der Stadt mit einem tollen Sternenhimmel. Da der Acker aber sehr dornig war, hat Alex am nächsten Morgen einen Platten. Wir schaffen es bis zur nächsten Tankstelle, wo er ihn unter den neugierigen Blicken der Türken repariert. Wir kommen aber nicht weit und wieder ist die Luft draußen, also nochmal flicken an der nächsten Tanke. Wir fahren an diesem Tag noch 60 km, um dann wieder an einer Moschee zu zelten.
Von Dinar Richtung Cay
Kleine Moschee
Im Garten der Moschee
Special Cooking
Waschtag
Sarayönü Richtung Cihanbeyli
Cihanbeyli
Kleines Hindernis beim Reifenflicken
Am nächsten Tag geht es auf einem holprigen Feldweg mit grandiosen Aussichten weiter bis zum Tuz Gölü, einem der größten Salzseen der Erde, der die Türkei mit 70% ihres Salzbedarfs versorgt. Es ist faszinierend über diesen See zu laufen, auf dem die Salzkruste die Sonne reflektiert und der die Brutstätte von hunderten Flamingos ist, die sich im Sommer von den darin enthaltenen Rotalgen ernähren. Leider waren sie aber schon in wärmere Gefilde geflogen.
Richtung Tuz Gölü
Salzberge
Markt in Sereflikochisar
Am 11.11. kommen wir nach Aksaray, eine ziemlich bebaute und nicht sehr schöne Stadt. Wir warten darauf, dass uns der Mann, der über couchsurfing (ähnlich wie warmshowers, nur für jeden) zugesagt hat, dass wir bei ihm übernachten können, anruft und sitzen auf einer Bank. Da kommt Mustafa vorbei, ein älterer Türke, der ein Jahr in Deutschland und acht Jahre in Frankreich gearbeitet hat, wir unterhalten uns, er geht seiner Wege. Zehn Minuten später taucht er wieder auf, meint, seine Frau hätte gesagt, wir sollten doch bei ihnen übernachten, es sei dunkel und kalt, womit er recht hat. Wir sagen couchsurfing ab, denn das ist für uns wirklich zu spät und erleben bei Mustafa und Meriam eine überwältigende Gastfreundschaft und einen sehr schönen Abend. Wir werden versorgt, als seien wir die Kinder der beiden. Am nächsten Morgen schauen wir uns noch ihren kleinen Laden mit Gebetsketten und Mustafas beide Motorräder an (er ist 67 ) und verabschieden uns herzlich. Leider haben wir an diesem Tag Gegenwind und löchrigen Asphalt, viel zu wenig Randstreifen. Entnervt kommen wir in Acigöl an und übernachten versteckt auf einem Acker. Kurz nach dem Hinlegen, Alex schläft schon, nähern sich eilige und raschelnde Schritte dem Zelt durch das trockene Laub, ich wecke Alex, wir lauschen atemlos. Unendlich erleichtert hören wir dann, dass ein großer Kangal (so heißen diese riesigen, wunderschönen und liebenswerten Hirtenhunde hier) um das Zelt herumschnüffelt. Wie oft war ich versucht, einen Welpen dieser Hunde in meine Packtasche zu stecken und mitzunehmen. Allerdings passt er da ja nicht lange hinein….
Schlafplatz bei Acigöl
Frühstücksplatz bei Acigöl
Mustafa und Meriam
Nadjas Wunschwelpe, der wird auch groß
Wir kommen nach Göreme, Kappadokien, das Highlight unserer Reise bisher. Wir haben Glück und finden ein sehr schönes, günstiges und sauberes Hotel mit einem großen Frühstücksbüffett, hier bleiben wir fünf Nächte über Alexs Geburtstag. Schon bei der Ankunft sehen wir die bizarren Felsformationen, auch Feenkamine genannt. Wir wandern die nächsten Tage durch die verschiedenen Täler, bergauf und bergab, wir bestaunen die ehemaligen Höhlenwohnungen und Steinkirchen und auch Cafes. Auch fahren wir mit dem Bus nach Kayseri, um die Bahntickets in den Iran zu kaufen. Hier bekommen wir von den netten Bahnbeamten ohne Probleme endlich vier Tickets für ein Schlafabteil nach Teheran verkauft, die Fahrräder dürfen mit ins Abteil, inshallah, wir sind happy! Am Morgen des dritten Tages in Göreme laufen wir um halb sieben Uhr morgens mit vielen anderen Touristen auf einen Berg hoch und beobachten den Start von 150 Heißluftballons in den Sonnenaufgang. Es ist ein faszinierendes Ereignis und trotz der Kälte können wir uns gar nicht satt sehen. So buchen wir wagemutig für den nächsten Morgen eine Fahrt, die wir uns zu unseren Geburtstagen schenken. Vor Angst schlafe ich in der Nacht davor nicht, bereue zutiefst zugesagt zu haben. Alex schläft wie fast immer wie ein Stein. Um fünf stehen wir auf, um halb sechs werden wir und weitere Gäste aus anderen Hotels abgeholt. Die Ballons kommen gleichzeitig mit uns an. Die Körbe werden vom Hänger auf die Seite gekippt, der Ballon mit großen Ventilatoren mit Luft gefüllt und danach eingeheizt, um uns herum überall Ballons, die ersten starten. Nach einer halben Stunde werden wir aufgefordert in den Korb zu steigen, 30 Personen sind wir insgesamt. Der Fahrer begrüßt uns, es wird hell und um kurz nach sieben heben wir ab. Schnell sind wir weit oben, das ist Adrenalin pur, für Angst bleibt gar keine Zeit, im Gegenteil, wir sind glücklich und strahlen uns an. Am Himmel schweben mittlerweile überall Ballons. Neben uns, über uns, unter uns, soooo schön! Wir sinken wieder und fliegen zwischen den Felsen durch, können sie fast berühren und pünktlich zum Aufgang der Sonne hinter den Bergen sind wir auf gleicher Höhe mit ihr. Viel zu schnell landen wir wieder, direkt auf dem Anhänger des wartenden Autos. Wir fahren ein Stück weit mit dem noch gefüllten Ballon über uns, dann steigen wir aus, klatschen und stoßen alle mit alkoholfreiem Sekt an. Wir sind uns beide einig, dass wir sofort wieder mitfahren würden, wahnsinnig schön war das und das Geld absolut wert. Die letzten zwei Tage unseres sechseinhalbwöchigen Aufenthaltes in der Türkei verbringen wir in Kayseri bei Umit, unserem Gastgeber über couchsurfing. Wir haben großes Glück bei ihm wohnen zu dürfen. Er muss leider tagsüber arbeiten, aber an den Abenden koche ich für alle und wir fühlen uns bei ihm wie zu hause. Er ist witzig, offen und begeistert mit uns seine Englischkenntnisse verbessern zu können. In Kayseri erledigen wir alles, was für den Iran nötig ist. Danke, lieber Umit! Die Türkei war für uns ein sehr schönes Reiseland, sowohl in der Ebene mit den hunderten Kilometern, die wir an Olivenplantagen vorbeigekommen sind, als auch am Meer und erst recht in den Bergen. Die Straßen sind zum Radfahren gut geeignet, das Wetter war uns wohlgesinnt und die Menschen waren fast immer sehr freundlich, hilfsbereit und zuvorkommend. Alle, die mal in Deutschland gearbeitet haben, und wir haben viele von ihnen getroffen, sprechen mit Begeisterung von ihrer Zeit bei uns. So sind sie den Deutschen gegenüber sehr aufgeschlossen, wollen immer ein Gespräch anfangen oder uns einfach nur freundlich zuwinken. Die meisten Einladungen zum Cay haben wir leider ausschlagen müssen, sonst wären wir heute noch in der Türkei. Klar gibt es auch eine andere, problematische Seite, z.B. Politik, Müll, seelenlose Städte, Frauen und ihre Rolle in der Gesellschaft usw., aber für uns als Durchreisende hat sich ein sehr positives, farbenfrohes und lebendiges Gesamtbild ergeben und wir werden sicher wiederkommen! Am Abend des 20.11. sind wir am Bahnhof, fragen fünf verschiedene Beamten, von welchem Gleis der Zug abfahren wird, die Mehrheit ist für Gleis 1. Ok, da warten wir also und der Zug fährt auf Gleis 2 ein. Jetzt müssen wir, wie übrigens alle Leute, irgendwie über die Gleise kommen, es gibt keine vernünftigen Übergänge und schon gar keine Unterführungen auf diesem kleinen Bahnhof . Die anderen Passagiere sind schneller drüben als wir mit unseren voll bepackten Rädern. Alex hatte natürlich zur Sicherheit schon geschaut, wo das am besten gehen könnte und so fahren wir schnell zum Ende des Bahngleises, wo er es schafft die Fahrräder, halb zerrend, halb tragend über die Gleise zu wuchten. Der Schaffner ist nicht nur überaus freundlich, sondern gibt uns für die Räder ein eigenes Abteil, genial, wir haben es geschafft. Um fünf Uhr morgens müssen wir allerdings den Waggon wechseln, unserer ist (mal wieder) kaputt und wird abgehängt. Also ziehen wir uns hektisch an, schleppen zwölf Radtaschen und zwei Fahrräder in den nächsten Waggon und schlafen weiter. Am nächsten Morgen sehen wir eine traumhafte Berglandschaft in der am Fenster vorbeiziehenden Türkei. Um drei steigen wir in Tatvan auf die Fähre um, die uns nach Van zum nächsten Zug bringt. Hoffentlich lassen uns auch die iranischen Schaffner einsteigen….ihr hört von uns, wenn das Internet in Iran/Teheran wieder eingeschaltet wird.
Göreme
Wo ist Alex?
Thank you very much, Umit
Schlafwagen
Am Bahnsteig gegenüber
Einer der vielen Staudämme
Fähre von Tatvan nach Van


13 Antworten auf „Türkei Teil 2/2“

  1. Liebe Nadja,
    ich finde es total spannend eure tollen Stories zu lesen. Ein Wahnsinn was ihr erlebt, dein Schreibstil sorgt dafür dass man alles mit erleben darf.
    Viel Erfolg im Iran, kann nicht erwarten von Euch zu hören.
    Grüße Ingo

    1. Lieber Ingo,

      Vielen Dank, das freut uns und motiviert uns natürlich auch sehr! Jetzt werden heute hoffentlich noch die Videos fertig. Und für den nächsten Beitrag wollen wir uns nicht so lange Zeit lassen!
      Liebe Grüße
      Nadja

  2. Hey ihr Zwei!
    Hut ab! Sehr, sehr spannend was ihr da erlebt! Faszinierend, euer Abenteuer kommt rüber. Klasse dokumentiert! Ihr nehmt mich mit Wort und Bild regelrecht mit. Will auch! Wünsche euch und allen Lesern eine gute Weiterreise!
    Grüße, Matz

  3. Liebe Nadja, lieber Alex, ich hoffe es geht euch gut! Es ist so schön von euch zu lesen.
    Hoffentlich passt Alex auch weiterhin auf, dass du nicht von LKWs überfahren wirst – also sei schön lieb 😉
    Viele liebe Grüße
    Nina

  4. Freue mich, dass es euch gut geht, schöner Bericht und Fotos.
    Passt gut auf euch auf ! Umarmung und Küsse Yasmin und Martin

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